Über Jahrhunderte bildeten Familienstämme oder Clans das Fundament der Gesellschaft Abu Dhabis, und dies ist auch heute noch so. Jahrhunderte halbnomadischen Lebens, die Islamisierung und der darauf folgende Wirtschaftsboom haben die Rolle, die den Stämmen und Clans im Bereich der Politik und des Handels zukommt, nicht gemindert. Deshalb ist die Erbfolge eng mit dem gesellschaftlichen und politischen Geflecht des Emirats und des gesamten Staates verwoben, so daß Herrscherfamilie und Regierung praktisch nicht voneinander zu unterscheiden sind.
Die Beduinenkultur bildet einen essentiellen Bestandteil des reichen kulturellen Erbes.
Heute stellen die nomadischen Beduinen nur eine kleiner werdende Minderheit der Bevölkerung in Abu Dhabi. Wie wohl bereits in hunderten Büchern beschrieben, sind Beduinen Nomaden, die von Oase zu Oase ziehen und von der Aufzucht von Kamelen, Schafen oder Ziegen leben. Beduinenfrauen betätigen sich im Kunsthandwerk.
Der Einfluss der Beduinen offenbart sich auch heute noch in der modernen Kultur. So bieten die meisten arabischen Restaurants, Hotels und Konferenzzentren ihren Gästen unterschiedliche Varianten des „Majlis“ (Versammlungsort, wo man Kaffee trinkt oder Shisha (Wasserpfeife) raucht und bei gemeinsamen Mahlzeiten unter einem gemütlichen Zelt auf Kissen entspannt. Diese Tradition stammt von den Beduinenhäuptlingen aus alter Zeit.
Die allgegenwärtige Dattelpalme war von entscheidender Bedeutung für die Beduinen und frühen Siedler des Emirats. Ihre Früchte dienten der Nahrung, die Palmwedel (Barasti) als Baumaterial für Wände und Dächer, die Stämme als Stützbalken der Lehmziegelhäuser und Steinfestungen und die Mittelrippen der Blätter wurden zum Bau von Kanus (Shashah) verwendet.
Darüber hinaus waren Jagd, Seefahrt und Perlenfischerei die wichtigsten Beschäftigungen der frühen Siedler in den Küstenregionen Abu Dhabis. Man glaubt, dass in den Hochzeiten des Perlenhandels Anfang des 20. Jh. etwa 1.200 Perlenboote an diesem Handel teilgenommen haben, mit ca. 22.000 körperlich dafür geeigneten Männern an Bord, die die Perlenbänke von Abu Dhabi, Dubai und Ras Al Khaimah während der Sommermonate regelmäßig nach Perlen tragenden Austern (Lulu) absuchten.
Die Falknerei gehört auch heute noch zu den großen Leidenschaften der Emirati. Ursprünglich trug die Falknerei zur Ernährung der Jäger bei. Heute ist sie ein nationaler Zeitvertreib, bzw. ein Hochleistungssport, ja für manch einen in Abu Dhabi sogar eine Kunst. In früheren Zeiten war die Kunst der Falknerei ein Statussymbol, und bestimmte Vogelarten wie Weihen und Falken ließen auf die Stellung oder das Vermögen ihres Besitzers schließen.
Auch Kamel- und Pferderennen sind aus der einheimischen Kultur nicht wegzudenken. Das Araberpferd wird weltweit für seine Schönheit, Eleganz und unvergleichliche Kraft bewundert.
Sprache
Im modernen Abu Dhabi sind drei Arten von Arabisch geläufig. Die älteste Form der Sprache ist als klassisches Arabisch bekannt (vergleichbar mit Shakespeare-Englisch) und wird heute, zumindest im Alltagsgespräch, kaum noch verwandt. Die Verkündigung des Koran im klassischen Arabisch erklärt zum Großteil, warum die Sprache über die Jahrhunderte erhalten geblieben ist. Sie ist in der gesamten islamischen Geschichte auch die Sprache der Königs- und Prinzenhäuser sowie der gebildeten Elite.
Das literarische Arabisch oder moderne Standardarabisch (MSA) wird im Alltag und Geschäftsleben, in den Medien und von der Regierung verwendet. Universitätskurse oder Lehrgänge in Arabisch sind auf diese Form des gesprochenen Arabisch ausgerichtet. Die dritte Form ist das umgangssprachliche Arabisch, eine Kombination von Merkmalen des klassischen und modernen Arabisch, die regionale Nuancen aufweist und von Arabern in Gesprächen im Alltag verwendet wird. Umgangssprachliche Variationen erklären die verschiedenen Aussprachen oder Schreibweisen für das gleiche arabische Alphabet. So wird zum Beispiel der Buchstabe “Q“ (“qaaf”) in Beduinendialekten “g” ausgesprochen, andernorts wie im ländlichen Palästina jedoch als ‘k’. In den meisten Golfstaaten spricht man den gleichen Buchstaben als “j” oder “g”.
Einwohner von Abu Dhabi sprechen Golfarabisch, die Muttersprache der Einwohner von Bahrain, Kuwait, Katar, Saudi-Arabien, Südirak, der VAE und - in geringerem Maße - des Oman.
Islamisches Erbe
Abgesehen von dem Einfluß ihrer Beduinenvorfahren und der traditionellen Handelspraktiken und Sitten, hat nichts die einheimische Kultur stärker beeinflußt als der Islam, die Staatsreligion. Die Moscheen und Minarette und der täglich mehrmalige Aufruf zum Gebet machen Einwohnern und Gästen bewußt, daß die religiösen Werte der Einwohner in diesem Emirat trotz des rasanten Wirtschaftsaufschwungs unerschütterlich sind.
Die Großzügigkeit des Herrschers in der Unterstützung Bedürftiger und Kranker in von Not und Krieg gebeutelten Ländern wie dem Libanon, Irak und Teilen von Afrika beweist ebenfalls, daß der Geist der Brüderlichkeit und Nächstenliebe in der Bevölkerung stark verankert ist.