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Sagen, Erzählungen und Legenden
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Wie jede alte, eng verbundene Stammesgemeinschaft pflegen auch die VAE ihre Sagen und Legenden, die verschiedenen Zwecken dienen: um bestimmte Verhaltensweisen zu fördern oder davor zu warnen, Kinder Lektionen über das Leben zu lehren, Naturerscheinungen zu erklären oder einfach zur Unterhaltung bei abendlichen Zusammenkünften mit Geschichten von Dschinns, Dämonen und Zwergen, welche die Märchen aus 1001 Nacht beleben. Traditionelle Sagen erzählen meist Großmütter ihren Enkeln und Kindern der Nachbarschaft, um von den wundersamen Begebenheiten zu berichten, die sie einst von ihren eigenen Großmüttern hörten.

Einheimische Sagen wurden vom Austausch mit anderen Kulturen, dem Seehandel und grenzüberschreitende Ehen beeinflusst. Das Meer inspirierte viele Sagen in den VAE. Wir haben einige der beliebtesten Sagen der Emirati zusammengetragen.

Die folgende Zusammenstellung ist wahrscheinlich der erste Versuch, die nationalen Sagen und Legenden der VAE aufzuzeichnen und zu veröffentlichen. Die Aufgabe, dieses Kulturerbe zu bewahren, gewinnt zusätzliche Bedeutung in Anbetracht des schnellen Wirtschaftswachstums und der rasanten Änderungen des Lebensstils in den Emiraten. Die VAE unterziehen sich diesen Änderungen, um eine führende Rolle in der Region zu übernehmen und eine aktive Rolle in der Weltwirtschaft zu spielen.

Khattaf Rafai (Der Mädchenfänger)

Mit dieser typischen Geschichte „vom bösen Mann“ wollten Eltern wohl ihre Kinder, besonders Mädchen, von Gefahren abhalten, indem sie diese bildhaft illustrierten: in der angsteinflößenden Gestalt des “Khattaf” (Entführer) oder “Khattaf rafai”. Der Dämon Khattaf kann die Form eines Segelbootes annehmen, hat dabei Gliedmaßen und segelt an Land. Er erscheint Menschen, besonders jungen Frauen, nachts in der Nähe der Küste. Dabei schwingt er ein langes Seil und versucht, Mädchen zu fangen und zu entführen. Doch seine Versuche sind fruchtlos, sobald die Mädchen Verse aus dem Koran rezitieren. Der Dämon fürchtet sich vor Männern, vor allem wenn sie in Gruppen sind.

Verschiedene Geschichten weben sich um die Gestalt des bösen Khattaf Rafai. Die bekannteste berichtet von einer Gruppe Mädchen, die bei einem abendlichen Spaziergang von einem dunklen Gespenst aufgehalten wurden, das sich augenblicklich in ein Boot verwandelte. Als das Wesen versuchte, die Frauen zu fangen, rannten sie mit großem Geschrei zu den nahe liegenden Häusern. Ein Mann hörte sie, trat aus dem Haus und konnte das Seil des Geistes ergreifen. Der Mann war stark genug, um das Seil fest zu halten, doch der Geist löste sich und ließ das Seil zurück. Doch weil der Geist nicht ohne dieses Seil leben konnte, kehrte er zum Haus des Mannes zurück und flehte ihn an, es ihm zurückzugeben. Nachdem Khattaf Rafai eindringlich versprach, nie wieder in die Stadt zurückzukehren, gab der Mann ihm das Seil. Seitdem wurde Khattaf Rafai nicht mehr gesehen.

Baba Darya/Bu Darya (Der Vater des Meeres)

Baba Darya ist ein böser Geist, dessen grausige Geschichten den Menschen, die an der Golfküste der Vereinigten Arabischen Emirate leben, den Seefahrern, Fischern und Perlentauchern, sehr wohl bekannt sind. Sein persischer Name bedeutet “Vater des Meeres”. Es bestehen zwei Versionen dieser Volkssage. Die erste berichtet, dass Baba Darya zwischen der Zeit des Abendgebets und dem Ruf zum Morgengebet unter Booten und Schiffen lauert, um einen der schlafenden Fischer zu fangen, ihn zu verschlingen und dann das Boot zu versenken. Aus diesem Grund wurde es Brauch, dass zwei oder drei Fischer nachts Wache halten, um das Boot vor dem Unhold zu schützen. Wenn einer Baba Darya sichtete oder seine Stimme vernahm, dann rief er seinen Kameraden zu: “Hatou al-mishara wal-jaddoum” (Das bedeutet: „Bringt Schwerter und Äxte“. Al-mishara ist ein kleines Schwert oder breites Messer, Al-jaddoum eine lange, breite Axt). Gewöhnlich verschwand der Geist, wenn er diese Worte hörte. Die Legende beschreibt Baba Darya als groß, breit und sehr stark. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen, weil er nur im Dunkeln erscheint.

Eine andere Version beschreibt Baba Darya als ein Meerungeheuer, das die Form eines sehr hässlichen, furchteinflößenden Menschen annimmt, wenn Schiffe vorbeisegeln. Dann gibt er vor, zu ertrinken und ruft nach Hilfe. Wenn Fischer ihn retten, stiehlt er ihren Proviant und macht sich gelegentlich an ihrem Boot zu schaffen.

Sicher hat die Sage vom Baba Darya Fischer zu besonderer Wachsamkeit angehalten. Vielleicht wurde sie auch erfunden, um Kinder davon abzuhalten, nach dem Abendessen am Strand herumzustreifen.

Salama und ihre Töchter

Salama ist eine Riesin, die mit ihren Töchtern am Grunde des Meeres haust, in der Nähe der Meerenge von Hormuz. Wenn Salama ein Schiff sieht, dreht und wendet sie sich und erzeugt hohe Wellen und starke Stromwirbel, in denen die Schiffe sinken. Dann verspeisen Salama und ihre Töchter die Seeleute. Aus Angst vor Salamas Appetit führten die Seeleute in der Vergangenheit lebende Tiere wie Schafe und Ziegen an Bord, wenn sie die Straße von Hormuz passieren mussten. Sobald sie einen Strudel sahen, stießen sie die Schafe oder Ziegen in die Fluten, in der Hoffnung, so den Hunger von Salama und ihren Töchtern zu stillen und mit dem Leben davon zu kommen.

Der reale Hintergrund dieser Sage: Die schmale Meerenge von Hormuz ist die einzige Verbindung zwischen zwei großen Meeren (dem Arabischen Golf und dem Indischen Ozean). An ihren Gestaden mit hohen Klippen und Bergen entstehen Flutwellen mit Turbulenzen und Strudeln, die passierende Schiffe gefährden. Während die turbulenten Wasser von Hormuz wohl die Fantasie abergläubischer Seefahrer anfachten, beruht die Sage von Salama vielleicht auch auf dem wahren Schicksal eines Passagierschiffs, das aus einem arabischen Hafen in Richtung Indien segelte. Angesichts hoher Wellen und Strudel berief sich der Kapitän wohl auf das Seeungeheuer, um das Schiff zu retten. Inmitten des sturmtosenden Meeres hielt er die Passagiere an, ihr Gepäck über Bord zu werfen, um das hungrige Ungeheuer zu besänftigen. Dies taten die Passagiere in Angst um ihr Leben. Das leichtere Schiff ließ sich nun besser steuern und überquerte die Meerenge zum Indischen Ozean unbeschadet. Damit wurde die Sage von Salama auch für die Zweifelnden bestätigt.

Um Al Duwais

Dies ist die Version der VAE von der unwiderstehlichen Verführerin, die im Grunde eine widerliche Hexe ist und Männer in den Tod lockt. Um Al Duwais wird als überaus attraktiv und reizvoll beschrieben: schlank, groß, jung, mit langem Haar und von fesselnder Schönheit. Ihr Körper verströmt sinnliche Düfte von Moschus und Amber, ihre Stimme ist sanft und verführerisch. Sie ist in Gold gekleidet, und wer sie erblickt, wird von ihrer überwältigenden Schönheit verzaubert. Sie verführt arglose Männer zum Ehebruch und zeigt sich in ihrer wahren angsteinflößenden Gestalt, bevor sie sie tötet.

Diese klischeehafte Sagengestalt ist eine der ältesten und beständigsten in jeder Gesellschaft. Sie verkörpert die Furcht der Ehefrauen vor attraktiven Rivalinnen und die uralte Vorstellung von der ewigen Schönheit, hinter der sich Hexerei verbirgt, sowie die Verurteilung von Frauen, die ihre körperliche Schönheit einsetzen, um ihre geheimen Ziele zu erreichen. So werden auch heute noch Frauen, die stark geschminkt sind oder sich Männern gegenüber anzüglich verhalten, als Um Al Duwais bezeichnet. Zudem jagt man ungezogenen Kindern mit der legendären Hässlichkeit und Boshaftigkeit der Um Al Duwais Angst ein.

Um Al Helaan 

Diese Sagengestalt steht für das “böse Auge” oder den “neidvollen Blick”, einen alten, weit verbreiteten Glauben in orientalischen Kulturen, in Europa und in geringerem Ausmaß in Nordamerika und anderen Teilen der Welt. Man glaubt, dass die böse Macht des Neids das Glück der beneideten Menschen in Unglück verwandelt kann – ähnlich einem Fluch. Das Objekt des Neids kann materieller Reichtum oder beneidenswerte Eigenschaften wie Schönheit, Gesundheit, Ruhm, Intelligenz oder Liebe und Respekt, die einer Person entgegengebracht werden, sein – nahezu alles kann von neidvollen Menschen verflucht werden. Die Kraft eines neidvollen Fluchs kann so stark sein, dass sie die Opfer augenblicklich schädigt, Menschen entzweit und Hass zwischen ihnen sät.

Um Al Helaan wird vorwiegend als böser Geist oder Dschinn dargestellt, doch er zeigte sich auch in Menschengestalt, meist älterer Frauen. Einige Erzählungen schildern Um Al Helaan als Frau mit deformiertem Gesicht, besessen von Dämonen, die sie dazu anstiften, Menschen Schaden zuzufügen. In anderen Versionen ist es eine verschlagene Hexe, deren stechend grüne Augen das Böse versprühen.

Typischerweise ist Um Al Helaan jedoch ein Dschinn, der die Gestalt einer alten Frau annimmt und unter Vorspielung falscher Tatsachen, in das Haus eindringt. Dort sieht sie sich sorgfältig nach Zeichen des Wohlstands um und verlässt die Gastgeber mit einem Fluch aus ihrem bösen Auge.

Eine jüngere Erzählung berichtet von der realen Begegnung einer einheimischen Frau mit der berüchtigten Um Al Helaan vor wenigen Jahrzehnten. Die Frau traf sich jeden Morgen mit ihren Freundinnen im Haus der Nachbarin, um sich bei Gesprächen die Zeit zu vertreiben. Eines Morgens erschien eine alte Frau auf mysteriöse Weise an der Tür zum Wohnraum. Erst nahmen die Freundinnen an, sie sei eine Bettlerin, die durch die offene Haustür hereingetreten war, doch sie gab an, sie käme aus einem entfernten Dorf und sei auf dem Markt einkaufen gewesen. Jetzt sei sie müde und spürte großen Durst, als sie am Haus vorbeikam. Sie bat die Frauen, ihr ein Glas Wasser zu bringen. Die Erzählerin berichtet, die Hausherrin habe die alte Frau gebeten, sich zu setzen und ein wenig auszuruhen, doch diese verhielt sich sehr sonderbar. Sie erzählte sehr viele zusammenhanglose Dinge, sprang von einem Thema zum nächsten, während ihre kalten, stechenden Augen das Zimmer und die Frauen musterten. So unerwartet wie sie gekommen war, verabschiedete sich die Frau eilig und hastete aus dem Haus, als ob sie vor etwas fliehen würde. Die Erzählerin berichtet, wie verwirrt die Frauen von der alten Frau und ihrem eigenartigen Verhalten waren. Vieles machte keinen Sinn. Zum Beispiel hatte sie das Wasser nicht angerührt, nach dem sie gefragt hatte, und sie hatte auch keine Einkaufskörbe bei sich. Überdies befand sich das Haus weder nahe dem Marktplatz noch auf einer Straße, die zum Markt führte. Das Seltsamste war jedoch die unerklärliche Übelkeit der Gastgeberin in der folgenden Nacht, die sie zwei Tage ans Bett fesselte, bevor sie starb, so berichtet die Erzählerin. “Da wussten wir, dass die seltsame Alte keine andere war als Um Al Helaan.”

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